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Zahlencheck

Weniger Zucker. Mehr als ein Steuerschild.

Mehr Aufklärung, eine Zuckersteuer oder verbindliche Grenzen für zugesetzten Zucker? Wer weniger ernährungsbedingte Krankheiten will, muss bei den Produkten anfangen. Die Zahlen verdienen dabei dieselbe Sorgfalt wie die politische Forderung.

Bestehende Veröffentlichung. Die neue Darstellung verändert weder den damaligen Faktenstand noch den Freigabestatus der persönlichen Einordnung.

Ein Regal voller Getränke. Auf der Vorderseite steht „Frucht“, „Energie“ oder „für Kinder“. Die entscheidende Information steht klein auf der Rückseite: wie viel Zucker in 100 Millilitern steckt. Man kann den Käuferinnen und Käufern sagen, sie sollten genauer hinsehen. Man kann auch die Frage stellen, warum Produkte für den Alltag so zusammengesetzt sind, dass genaues Hinsehen nötig wird.

Das ist der Kern einer alten Auseinandersetzung: Soll Politik nur informieren, den Preis verändern oder Regeln für das Produkt selbst setzen? Der Anlass ist eine zugespitzte These: Wenn eine Lenkungsabgabe wirkt, verliert der Staat Einnahmen; wenn sie nicht wirkt, verdient er daran. Die Zuspitzung beschreibt einen politischen Interessenkonflikt. Ökonomisch ist sie zu einfach. Zwischen „niemand kauft mehr“ und „niemand ändert etwas“ gibt es sehr viel Platz: Menschen kaufen weniger, Hersteller ändern Rezepturen und dennoch fallen Steuereinnahmen an. Ob das Ziel erreicht wird, entscheidet sich am Konsum und an den Produkten, nicht an der Höhe des Steueraufkommens. Britische Auswertung zur Softdrink-Abgabe ↗[1]

Vier Prozent – aber nicht Europas Schlusslicht

Deutschland gab 2024 insgesamt 538,2 Milliarden Euro für Gesundheit aus. In der Ausgabenrechnung des Statistischen Bundesamtes entfielen 21,772 Milliarden Euro auf „Prävention/Gesundheitsschutz“: rechnerisch rund 4,0 Prozent. Das ist wenig gemessen an der Gesamtsumme. Es ist aber nicht dasselbe wie „weniger als jeder zwanzigste Euro geht in jede denkbare Vorsorge“: Manche vorbeugenden Leistungen können in anderen Kategorien gebucht sein. Destatis: gesamte Gesundheitsausgaben 2024 ↗[2] · Destatis: Ausgaben nach Leistungsarten ↗[3]

Und „letzter Platz in Europa“ ist falsch. Eurostat zählt Deutschland für 2023 beim Anteil der präventiven Gesundheitsversorgung an den laufenden Gesundheitsausgaben zu den fünf EU-Ländern mit den höchsten Werten; auch je Einwohner lag es weit oben. Die deutsche Destatis-Kategorie und die vergleichbare Eurostat-Kategorie sind nicht identisch, und die Jahre unterscheiden sich. Die Aussage vom Schlusslicht trägt keine der beiden Quellen. Man braucht sie auch nicht, um über bessere Prävention zu sprechen. Eurostat: Präventionsausgaben in der EU 2023 ↗[4]

200 Milliarden: groß genug, um genau hinzusehen

Verschiedene Fachorganisationen beziffern die direkten und indirekten gesellschaftlichen Kosten von Tabak auf etwa 97 Milliarden Euro, von Alkohol auf 57 Milliarden Euro und von Adipositas auf 63 Milliarden Euro pro Jahr. Das addiert sich rechnerisch zu 217 Milliarden Euro. Es ist keine belastbare gemeinsame Jahresabrechnung: Die Schätzungen stammen aus unterschiedlichen Bezugsjahren und Methoden; dieselben Krankheiten und Produktivitätsverluste können in mehreren Kategorien auftauchen. „Etwa 200 Milliarden“ ist eine Größenordnung aus Einzelrechnungen, keine präzise, überschneidungsfreie Summe und schon gar nicht die Kosten allein des zugesetzten Zuckers. Deutsches Krebsforschungszentrum: Tabakkosten ↗[5] · Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Alkoholkosten und Bezugsjahr ↗[6] · Deutsche Adipositas-Gesellschaft: Schätzung und Studie ↗[7]

Der gesundheitliche Punkt bleibt auch ohne Zahlentrick bestehen. Die WHO empfiehlt, freie Zucker auf weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen; unter fünf Prozent können zusätzliche Vorteile bringen. Dazu gehören zugesetzte Zucker und Zucker in Honig, Sirup oder Fruchtsaft, nicht einfach jeder Zucker, der natürlich in unverarbeitetem Obst vorkommt. Viel süße Flüssigkeit liefert Energie, ohne in gleicher Weise zu sättigen wie viele feste Lebensmittel. Zucker ist allerdings nicht die alleinige Ursache von Adipositas. Ernährung, Bewegung, Lebensumstände und weitere Faktoren spielen zusammen. WHO: Leitlinie für freie Zucker ↗[8] · WHO: zuckerhaltige Getränke ↗[9] · RKI: Adipositas und Übergewicht ↗[10]

Die Steuer, die den Zucker aus dem Getränk drückt

Großbritannien hat eine Abgabe eingeführt, deren Höhe am Zuckergehalt abgepackter Softdrinks hängt. Hersteller können zahlen oder die Rezeptur ändern. Nach einer Auswertung der britischen Regierung sank der durchschnittliche Zuckergehalt der von der Abgabe erfassten Getränke zwischen 2015 und 2020 um 46 Prozent. Das belegt eine starke Veränderung dieser Produktgruppe; es beweist für sich genommen noch nicht, wie viele Erkrankungen dadurch verhindert wurden. Und es zeigt, dass eine Abgabe Einnahmen erzielen und zugleich Produkte verändern kann. Britische Regierung: Überprüfung der Softdrink-Abgabe ↗[1] · Systematische Übersicht zu Softdrink-Steuern und Rezepturen ↗[11]

Damit ist eine Steuer kein Freispruch für den Gesetzgeber. Wenn ein Produkt besonders für Kinder gedacht ist, kann man fragen, ob eine bloße Preisaufschlagslogik ausreicht. Wer für einen Kinderdrink mehr bezahlt, kauft noch immer denselben Kinderdrink. Eine verbindliche Zuckerobergrenze für klar definierte Getränkekategorien wäre ein anderer Eingriff: Hersteller müssten das Produkt ändern, bevor es ins Regal kommt. Das ist ein politischer Vorschlag, kein bereits beschlossenes deutsches Recht und kein durch die britische Steuer automatisch bewiesener Königsweg.

Was „Zusatz verbieten“ überhaupt heißen müsste

„Unnötiger Zuckerzusatz“ klingt eindeutig, ist aber keine brauchbare Rechtsdefinition. Zucker kann süßen, konservieren, Struktur geben. Er steckt in Getränken, Joghurt, Soßen und Gebäck; natürlich vorkommende und zugesetzte Zucker müssen unterschieden werden. Ein pauschales Verbot aller zugesetzten Zucker wäre etwas anderes als eine Grenze für süße Kindergetränke und könnte Produkte sowie Essgewohnheiten betreffen, die mit der Ausgangsfrage wenig zu tun haben.

Ein prüfbarer Vorschlag beginnt deshalb enger: Getränke für Kinder und Jugendliche sowie Produkte mit ausdrücklicher Kindervermarktung zuerst; klare Grenzwerte je 100 Milliliter; nachvollziehbare Regeln für Fruchtsaftkonzentrat und andere Süßungswege; Fristen für neue Rezepturen; Kontrolle durch unabhängige Stellen. Hinzu gehört die Frage, ob Hersteller einfach auf Süßstoffe ausweichen. Die WHO empfiehlt, die Senkung freier Zucker nicht allein durch solche Ersatzstoffe zu erreichen. Wie Grenzwerte mit europäischem Lebensmittelrecht vereinbar ausgestaltet werden, müsste vor einer Gesetzgebung geklärt werden. WHO: gesunde Ernährung und Süßstoffe ↗[12] · EU: bestehende Regeln für die Angabe „ohne Zuckerzusatz“ ↗[13]

Aufklärung bleibt nützlich. Aber eine gute Kennzeichnung ist kein Ersatz für eine Debatte darüber, welche Produkte Unternehmen überhaupt als alltägliche Kindergetränke anbieten dürfen. Prävention wird konkret, wenn nicht nur die einzelne Person ihr Verhalten ändern soll, sondern auch der Hersteller seine Rezeptur.

ChocoPolitico
meint.

Kommentar · eigene Einordnung

Wir erklären Kindern, sie sollen vernünftig essen. Danach schicken wir sie in einen Laden, in dem die süßesten Produkte ihnen am lautesten zuwinken. Und wenn es nicht klappt, reden wir wieder über Eigenverantwortung. Das ist bequem. Für die Hersteller.

Eine Zuckersteuer kann etwas bewirken. Die Briten haben gezeigt, dass Hersteller plötzlich erstaunlich erfinderisch werden, wenn ihre Rezeptur Geld kostet. Aber warum sollte ausgerechnet bei Kindergetränken das Recht auf beliebig viel zugesetzten Zucker als unverrückbar gelten? Ich wäre für verbindliche, wissenschaftlich begründete Grenzen in klar abgegrenzten Produktgruppen – und dafür, ihren Effekt offen zu messen. Wer eine bessere Lösung hat, soll sie zeigen. Wer nur einen neuen Aufklärungsflyer hat, darf ihn gerne behalten.

Und bitte keine 200-Milliarden-Euro-Zahl als Zauberstab. Die Größenordnung ist ernst genug. Sie wird nicht richtiger, wenn man drei Rechnungen mit möglichen Überschneidungen einfach addiert. Wir brauchen weniger Zucker in den Produkten, nicht mehr Zucker in der Argumentation.

Was noch offen ist

1Welche Produktgruppen und Grenzwerte reduzieren freie Zucker tatsächlich, ohne die Rezeptur bloß auf andere Süßungswege zu verlagern?

2Wie verändern Abgaben oder verbindliche Produktgrenzen Zuckergehalt, Kaufverhalten und Gesundheit über mehrere Jahre – getrennt nach Alter und Einkommen?

3Welche EU-rechtliche Regelung und welche unabhängige Kontrolle wären für verbindliche Grenzen in Kindergetränken erforderlich?

Quellen. Und was sie belegen.

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