Wer Tschechiens Meeresküste auf der Karte sucht, wird keine finden. In Shakespeares Theaterstück „Das Wintermärchen“ liegt Böhmen trotzdem am Meer. Die historische Region gehört heute größtenteils zu Tschechien. Die heutige Republik gab es zu Shakespeares Zeit noch nicht. [2]
Der Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse greift das Motiv auf. „Ein Land an der Küste“ heißt das Motto. Die Küste soll dort einen Zugang zum Meer der Literatur eröffnen. [1] [2]
Welche Welt ein Text zeigt
Ein Theaterstück kann seine eigene Geografie haben. Seine Aufgabe ist nicht, den Weg zu einem tatsächlich vorhandenen Strand zu erklären. Bei einem Reisebericht würden wir diese Erklärung dagegen erwarten.
Deshalb gehört zum Lesen auch die Frage, welchen Anspruch ein Text hat. Eine Erzählung kann erfundene Orte nutzen, um eine Erfahrung zu zeigen. Ein Sachtext muss seine Behauptung über einen Ort begründen können. Manchmal stehen beide Formen nebeneinander; dann muss der Wechsel erkennbar bleiben.
Warum Shakespeare Böhmen ans Meer verlegte, wird hier nicht entschieden. Das Messeprogramm verwendet die Küste als literarisches Bild. Ob Irrtum, Vorlage oder Absicht dahinterstanden, ist damit nicht beantwortet.
Die kleine geografische Überraschung erfüllt ihren Zweck jedenfalls: Sie macht neugierig auf einen Auftritt, der über den gewohnten Blick auf ein Nachbarland hinausführen möchte.