Am 7. Oktober 2023 griffen Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen Israel an. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden mehr als 1.200 Israelis und ausländische Staatsangehörige getötet; 251 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der UN-Generalsekretär bezeichnet den Angriff auch drei Jahre später ausdrücklich als Terrorangriff und betont: Nichts könne diese Taten rechtfertigen. UN: Botschaft zum dritten Jahrestag ↗

Das ist der Ausgangspunkt dieses Tages. Er darf nicht in einer allgemeinen Nahostchronik verschwinden. Die Menschen, die in ihren Häusern, Gemeinden und auf einem Musikfestival ermordet wurden, die Verschleppten, Überlebenden und Angehörigen haben eine eigene Geschichte und ein Recht darauf, dass die Verantwortung für diesen Angriff klar benannt bleibt.

Der 7. Oktober bleibt ein eigener Tag

Erinnern bedeutet, Ereignisse nicht rückwärts umzudeuten. Der spätere Krieg erklärt nicht nachträglich den gezielten Angriff auf Zivilisten. Zugleich darf das Gedenken nicht benutzt werden, um alles auszublenden, was danach geschah. Beides sauber voneinander zu unterscheiden ist keine Relativierung, sondern Voraussetzung für eine ehrliche Chronologie.

In Deutschland erinnert die Bundesregierung heute an Opfer, Hinterbliebene, Überlebende und ehemalige Geiseln. Bundeskanzler Friedrich Merz verbindet das Gedenken mit dem deutschen Bekenntnis zur Sicherheit und Existenz Israels, dem Kampf gegen Antisemitismus und der politischen Perspektive, dass Israelis und Palästinenser in Frieden und Sicherheit leben können. Bundesregierung: Erklärung zum Jahrestag ↗

Der Krieg danach ist keine Fußnote

Für die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza sind die Folgen des Krieges weiterhin massiv. Die Weltgesundheitsorganisation berichtete Ende September 2026, dass nur 19 von 36 Krankenhäusern wenigstens teilweise funktionieren; keines sei voll funktionsfähig. Medikamente, Diagnostik, Geräte und Treibstoff seien knapp. WHO: Gesundheitslage in Gaza ↗

Auch die humanitäre Lage bleibt fragil. OCHA meldete Anfang Oktober unter anderem Finanzierungslücken bei der Nahrungsmittelhilfe und rund 279.000 Menschen, die in überschwemmungsgefährdeten Vertreibungsorten oder unsicheren Gebäuden leben. OCHA: Lagebericht vom 2. Oktober ↗

Diese Fakten machen palästinensische Zivilisten nicht zu Hamas – genauso wenig wie das Benennen ihres Leids die Verantwortung der Hamas für den 7. Oktober verändert. Eine Redaktion muss beides auseinanderhalten: Täter und Zivilbevölkerung, Angriff und Kriegsfolgen, Erinnerung und aktuelle humanitäre Lage.

Ein Waffenstillstand ist noch kein Frieden

Drei Jahre nach dem Angriff stellt sich die politische Frage nicht nur danach, wie Gewalt beendet oder eingedämmt wird. Es geht um eine Ordnung danach: Sicherheit für Israelis, politische Perspektiven und Rechte für Palästinenser, Wiederaufbau in Gaza, eine tragfähige Regierungsstruktur und internationale Garantien.

Die Bundesregierung bekräftigt heute ihre Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Perspektive. Das ist ein politisches Ziel, keine Beschreibung einer bereits vorhandenen Realität. Zwischen Ziel und Umsetzung liegen strittige Fragen über Grenzen, Sicherheit, Siedlungen, Jerusalems Status, palästinensische politische Vertretung, Entwaffnung bewaffneter Gruppen und gegenseitige Anerkennung. Bundesregierung: politische Perspektive ↗

Deutschland hat nicht nur eine Debatte

Der 7. Oktober wirkt auch in Deutschland nach. Jüdische Menschen berichten von Antisemitismus und Bedrohungen; die Bundesregierung nennt dessen Bekämpfung ausdrücklich als staatliche Aufgabe. Gleichzeitig gibt es eine intensive politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über das militärische Vorgehen Israels, humanitäres Völkerrecht, deutsche Waffenexporte, Proteste und den Schutz palästinensischer Zivilisten.

Eine demokratische Gesellschaft muss diese Ebenen unterscheiden können. Kritik an einer israelischen Regierung ist nicht automatisch antisemitisch. Antisemitische Zuschreibungen, Bedrohungen gegen Juden oder die Leugnung beziehungsweise Rechtfertigung des Massakers sind wiederum keine bloße Regierungskritik. Umgekehrt ist die Sorge um palästinensische Zivilisten nicht mit Unterstützung für Hamas gleichzusetzen.

Erinnern ohne aufzurechnen

Die Versuchung ist groß, Leid in eine Bilanz zu verwandeln: Wer hat mehr verloren? Welcher Schmerz darf zuerst genannt werden? Welche Zahl widerlegt die andere? Das führt journalistisch in eine Sackgasse. Menschenleben sind keine Verrechnungseinheit.

Man kann den 7. Oktober als gezielten Terrorangriff erinnern, ohne das Leid in Gaza zu verschweigen. Man kann die humanitäre Katastrophe in Gaza dokumentieren, ohne den Angriff vom 7. Oktober zu relativieren. Die beiden Sätze nehmen einander nichts weg.

Drei Jahre danach ist deshalb vielleicht die wichtigste politische Fähigkeit nicht, einen einzigen Satz zu finden, der alles erklärt. Es ist die Fähigkeit, Verantwortlichkeiten präzise zu benennen, Zivilisten nicht mit Regierungen oder bewaffneten Gruppen gleichzusetzen und Rechte nicht vom Lager abhängig zu machen.

Was bleibt?

Für viele israelische Familien bleibt ein Datum, das ihr Leben teilt in davor und danach. Für viele palästinensische Familien bleibt ein Krieg, der Wohnungen, Gesundheit, Sicherheit und Angehörige genommen hat. Für die Politik bleibt eine Aufgabe, die weder durch Gedenktage noch durch kurzfristige Vereinbarungen gelöst wird: Bedingungen zu schaffen, unter denen die nächste Generation nicht wieder denselben Kreislauf erbt.

Gedenken ist dafür kein Ersatz. Aber es kann eine Grenze markieren: Zivilisten dürfen nicht zu Mitteln politischer Ziele gemacht werden. Dieser Maßstab gilt unabhängig davon, wer handelt.