Das schönste Wort der KI-Branche lautet oft „Zukunft“. Es ist groß genug, dass fast alles hineinpasst. Aber wer darf die Regeln für diese Zukunft schreiben? In einer Fallstudie aus Timnit Gebrus Forschungsinstitut steht eine erstaunlich handfeste Antwort: Beschäftigte einer Medienfirma haben KI-Regeln in ihren Arbeitsvertrag verhandelt.[3]
Gebru erhält 2026 den Right Livelihood Award. Die Stiftung ehrt ihre Kritik an der Machtkonzentration in der KI und ihre Arbeit für Technik, die Menschen mehr Einfluss gibt. Das ist eine Preisbegründung. Was sie meint, lässt sich an einem Projekt ihres Instituts besser verstehen als an einer Festrede.[1]
Ein Vertrag ist konkreter als ein Versprechen
DAIR betreibt das „Luddite Lab“. Dort finden Gewerkschaften und Beschäftigte Fallstudien über KI und Automatisierung am Arbeitsplatz. Eine davon handelt von der Ziff Davis Creators Guild, der Beschäftigtenvertretung von Redaktionen wie Mashable, PCMag und Lifehacker. Laut der von Gewerkschaftsmitgliedern verfassten und bei DAIR veröffentlichten Fallstudie errang die Guild 2024 unter anderem diese Vertragsregeln: keine Kündigungen oder Kürzungen des Grundlohns wegen der Einführung generativer KI, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu KI, menschliche redaktionelle Kontrolle sowie Kennzeichnung von KI-Inhalten. Die NewsGuild bestätigte damals öffentlich den Vertragsabschluss mit KI-Schutzregeln.[3][4]
Das ist keine Behauptung, KI sei abgeschafft worden. Die Beschäftigten verhandelten, wer über ihren Einsatz entscheidet und welche Grenzen gelten. Gerade in einer Redaktion betrifft das nicht nur Arbeitsplätze. Es betrifft auch Leser, die wissen wollen, ob ein veröffentlichter Text von einer KI erzeugt wurde und wer dafür geradesteht.
Die DAIR-Fallstudie wird aus der Perspektive der Beschäftigten erzählt. Sie dokumentiert ausgehandelte Regeln; sie misst nicht, wie oft die Regeln seither angewendet wurden oder ob sie überall durchgesetzt werden. DAIR hat den Vertrag nicht selbst ausgehandelt – sein Projekt macht solche Beispiele sichtbar und nutzbar.[3]
Auch Daten brauchen eine Gebrauchsanweisung
Gebru arbeitet seit Jahren an dieser Art von Nachvollziehbarkeit. Gemeinsam mit anderen schlug sie „Datasheets for Datasets“ vor: Zu einem Datensatz gehören Antworten auf Fragen nach Herkunft, Zusammensetzung, Sammlung und vorgesehenem Einsatz. Wer ein Modell baut, soll sehen können, womit er arbeitet. Auch das Papier ist ein Vorschlag und kein Beweis dafür, dass alle Entwickler ihn übernehmen.[5]
Beide Ideen gehen vom selben Gedanken aus: Wer Technik benutzt oder von ihr betroffen ist, sollte nicht erst hinterher erfahren, was andere entschieden haben. Mal ist das ein Datenblatt. Mal eine Vertragsklausel. Beides ist kleiner als die große Rede über die Zukunft – und gerade deshalb überprüfbar.
Die offene Frage
Der Einwand ist berechtigt: Mitsprache, Dokumentation und Verhandlungen kosten Zeit. Nicht jede Regel passt zu jedem Betrieb. Die Beispiele zeigen, dass Alternativen konkret werden können. Wie gut sie im Alltag funktionieren, müsste man bei den betroffenen Beschäftigten, Unternehmen und Nutzern über längere Zeit nachprüfen. Diese Wirkung behaupten wir hier nicht.
Gebrus Auszeichnung ist die Nachricht des Tages. Die interessantere Entdeckung ist ein anderer Maßstab für Fortschritt: Nicht nur fragen, was eine KI kann. Fragen, wer die Regeln für ihren Einsatz geschrieben hat.